Monthly Archives: September 2011

stadt- und regionalwikis: zersplitterung freien wissens?

Auf der WikiConvention in Nürnberg hatte ich die Gelegenheit, einen Vortrag von Friedel Völker zum Thema Stadt- und Regionalwikis zu besuchen. Bisher habe ich keine konkreten Erfahrungen mit diesen Plattformen, trug aber den Gedanken mit mir herum, dass diese Einrichtung vielleicht gar nicht so sinnvoll und zielführend ist, wie sie scheint. Im Grunde sind die Stadtwikis eine Mischung aus Veranstaltungskalender und Informationsportal, häufig wohl gegründet mit dem Anspruch, »sowas wie die Wikipedia« auch für die eigene Region aufzubauen.

Motivation ist – zumindest ist das mein Eindruck – in vielen Fällen, dass die dort bereitgestellten Inhalte als für die Wikipedia irrelevant oder das dortige Regelwerk und die qualitativen Ansprüche als nicht zielführend wahrgenommen werden, wobei diese Haltung auch oft kultiviert werden dürfte. In den kleinen Wikis entstehen und lagern meiner Ansicht nach aber oft Inhalte, die auch für die »große Schwester« von großem Interesse wären.

Der erste Blick ins Karlsruher Stadtwiki bestätigt den Eindruck. Bis auf die Veranstaltungshinweise auf der Hauptseite kann ich keinen enzyklopädischen Artikel entdecken, der nicht auch in die Wikipedia passen würde. Häufig sind die Einträge auch Kopien der entsprechenden Wikipedia-Artikel oder bauen darauf auf (Grötzingen), so dass hier zwangsläufig Redundanzen entstehen.

Zugegeben, die Akkordeonfreunde Grötzingen werden wohl kaum die »Relevanzhürde« der Wikipedia überspringen. Sofort stellt sich aber die Frage, ob der Stadtwiki-Artikel wirklichen Mehrwert bietet – die Website ist da deutlich informativer. Natürlich könnte man das alles auch ins Stadtwiki übernehmen, was aber wieder zu unnötigen Redundanzen führen könnte.

Überhaupt sind »Redundanz« und »Relevanz« für mich die entscheidenden Stichworte. Wie die meisten wohl wissen organisiere ich gerade zusammen mit vielen anderen aus der Community den Denkmal-Fotowettbewerb Wiki Loves Monuments, wo europäische Kultur- und Baudenkmäler dokumentiert werden. Ein Thema, mit dem ich mich vorher noch nie beschäftigt hatte, das aber enorm spannend ist. Es sind gar nicht so sehr die Häuser selbst, sondern die Geschichten ihrer Erbauung, ihrer Besitzer und Bewohner.

Lokal- und Regionalgeschichte hat häufig den Anschein von hinterwäldlerischem Traditionalismus, wozu diverse »Heimatvereine« das Ihre beitragen dürften. Tatsächlich aber ist dieses kaum zu überblickende Themenfeld – eine im weitesten Sinne wissenschaftliche Aufarbeitung vorausgesetzt – äußerst relevant. Und zwar nicht nur für die Menschen vor Ort, sondern gerade für den großen Zusammenhang: Eine Zeitepoche besteht immer aus der Summe unzähliger historischer Ereignisse auf unterschiedlichen Ebenen. Die großen Linien sind das eine, aber konkrete Beispiele auf unterer Ebene – also Alltagserfahrungen im weitesten Sinne – machen Geschichte erst verständlich.

Auch in der Wikipedia haben diese ihren Platz: Jedes denkmalgeschützte Objekt ist grundsätzlich »lemmafähig«, zusammen mit einem Übersichtsartikel zur Stadtgeschichte ergibt bereits das ein umfangreiches Bild, kommen alte Fotos und Scans noch älterer Drucke auf Commons hinzu, ist schnell ein Umfang und eine Qualität erreicht, die kein »analog« existierendes Archiv bietet. Außerdem sind die Inhalte weltweit und – ordentliche Backups mal vorausgesetzt – auch für sehr lange Zeit zugänglich.

Oberstes Ziel sollte in meinen Augen sein, genau das zu erreichen: Leichter Zugang, breites Publikum und möglichst viele Querverbindungen in allen Dimensionen. Und ob dafür Stadt- und Regionalwikis mit ihrem sehr begrenzten Mitarbeiterstamm und der ständigen Gefahr, das Rad zum zehntausendsten Mal neu zu erfinden, der richtige Ort sind, bezweifle ich nach wie vor.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Artikel von Kilian Kluge steht unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

freies wissen für berlin

Am vergangenen Freitag fand im Radialsystem am Ostbahnhof die Veranstaltung »Freies Wissen für Berlin, Berlin für freies Wissen« statt, zu der Wikimedia Deutschland Macher und Interessierte aus der Hauptstadt eingeladen hatte. Moderiert von Sebastian »sebaso« Sooth stellten die sieben Gäste auf dem »Podium« ihre Projekte und Anliegen zum Thema Freies Wissen vor. Im einzelnen waren dies: Michelle Thorne von der Mozilla Foundation, John Weitzmann von Creative Commons Deutschland, Hauke Gierow und Stefan Wehrmeyer von der Open Knowledge Foundation, Dr. Christine Wolf vom Landesdenkmalamt Berlin, Pavel Richter von Wikimedia Deutschland – und ich, für den Denkmal-Fotowettbewerb Wiki Loves Monuments.

(Foto: Kilian, CC-BY-SA)

So vielfältig wie die Gäste und ihre Projekte war auch die folgende Diskussion. Besonders interessant für mich waren dabei die diversen Antworten auf die Fragen von Frau Dr. Wolf, die bis dahin noch keine Berührung mit freiem Wissen hatte und somit den Sprung ins kalte Wasser wagte. Mathias Schindler konnte daraufhin aus seiner Erfahrung bei der Veröffentlichung von Datenbanken und Archivmaterial unter freien Lizenzen berichten und eine Reihe wichtiger Fragen mit auf den Weg geben. So ist beispielsweise bei vielen Archivbildern häufig unklar, wer die Nutzungsrechte hält. Wurde es nämlich versäumt, im Arbeitsvertrag für die fotografierenden Mitarbeiter eine entsprechende Passage einzufügen, bleiben diese im Besitz sämtlicher Rechte und eine Freigabe durch die Behörde ist nicht möglich.

Schon fast Routine war, dass im Zusammenhang mit Wiki Loves Monuments die Frage nach der Rechtmäßigkeit der erstellten Bilder und der Möglichkeit eines Einspruchs gegen eine Veröffentlichung aufkam. Hier scheint insbesondere dem Berliner Datenschutzbeauftragten Dr. Alexander Dix die Rechtslage nicht präsent zu sein, wie ein Gast aus eigener Erfahrung berichtete. Pavel Richter bot hier dankenswerterweise an, für einen etwaigen Musterprozess persönlich zur Verfügung zu stehen. Ich bin gespannt, ob es tatsächlich dazu kommt, denn im Zuge der Einführung von Streetview hat Google zahlreiche Prozesse vor Oberlandesgerichten gewonnen, welche die geltenden Gesetze und ihre Auslegung bestätigen.

Allen, die sich bisher nicht damit beschäftigt haben, sei an dieser Stelle gesagt, dass es in Deutschland aufgrund der sogenannten Panoramafreiheit gestattet ist, alle von öffentlichem Grund aus erstellten Bilder ohne Rücksprache mit Hausbesitzern zu veröffentlichen, solange zur Erstellung keine Hilfsmittel zur Überwindung von Sichtbarrieren, also etwa eine Leiter, verwendet wurde. Sogar Passanten sind kein Problem, solange sie lediglich Beiwerk sind, vereinfacht gesagt also nicht im (inhaltlichen) Mittelpunkt des Bilds stehen.


(Foto: Mathias Schindler, CC-BY-SA)

Insgesamt zeigte die die Vielfalt freien Wissens, die weit über die bloße Verwendung freier Lizenzen und Sammelprojekte wie die Wikipedia oder Wikimedia Commons hinausgeht. In der breiten Bevölkerung scheint Freies Wissen bisher nicht präsent zu sein, was auch daran liegen dürfte, dass – wie mehrfach berechtigt kritisiert wurde – der Fokus zu sehr auf der rechtlichen und weniger auf der praktischen und Nutzenseite liegt.

Hier ist noch viel Arbeit und stellenweise wohl auch ein Umdenken nötig, vor allem aber sind neue Konzepte und Ideen für die Öffentlichkeitsarbeit gefragt. Spontan würde ich sagen, dass den zahlreichen Initiativen eine zentrale Plattform fehlt, über die sie kommunizieren können. Wikimedia versteht sich zwar bereits als Sprachrohr für freies Wissen und wird von den Medien auch als solches wahrgenommen, die – unfreiwillige, aber naheliegende – Reduzierung des Begriffs Wissen auf im weitesten Sinne enzyklopädisches Wissen allein dürfte aber auf Dauer nicht zielführend sein.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Artikel von Kilian Kluge steht unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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